Fifty Shades of Grey


Fifty Shades of Grey,  E.L.James
Fifty Shades of Grey

Wenn alle von diesem Buch reden, dann muss etwas darin sein. 16 Millionen Leserinnen und Leser lügen sich hier sicher nicht in die eigenen Taschen des bloßen, lustigen Zeitvertreibs. Etwas muss darin sein.

Der sublime Akt eines Gegenentwurfs zur radikalen Fremdbestimmtheit durch die kapitalistischen Wahnsinnsprozesse? Die Neuausrichtung des Selbst durch den Sexus, der in der Unterwerfung liegt? Die Fremd- und Selbstausbeutungen der Körper, weil die Welt dort draußen als Tummelplatz der Kreativitäten und der beglückenden Selbstprojekte unausbeutbar geworden ist? Traurige  Sinnsuchen trauriger Sinnsucher, die  in körperlichen und psychischen Duldungsprozessen stattfinden und im Schmerz ihre Heimat finden? Die Erfahrung virtueller Sinnfülle, die sich im Verlust der physischen und seelischen Unverversehrtheiten manifestiert? Die Rollen, die Funktionen, das Spiel, die alle drei die freie, selbstbestimmte Anverwandlung von Welt ersetzen? Das Spiel von Selbstverstörung und Selbstaufgabe?
Eins vorweg:  Wer sich von diesem sprachlichen Machwerk luststeigernde Fiktionen verspricht, hat sich im rezeptionsästhetischen Ton vergriffen. Hat sich auch vergriffen in den Erwartungungshaltungen, die sich mehr ersehnten als sie durch diese Bücher serviert bekommen. Wer hier eine Oase der Lüste zu erkennen glaubt, lebt vermutlich schon etwas länger in den Wüsteneien der Prüderie und kann nicht anders als nur „Mommy Porn“. Immerhin, in den USA ist dieses ge(Schund)ene Stück BDSM Literatur der Renner. Den Amis sei es gegönnt. God’s own country hat etwas steife Brise unter dem Rock der steinzeitlichen Moral bitter nötig.
Was mich stutzig macht sind manche Verrenkungen von Kritiken, die aus dem Lager der Emanzipationsbewegten herüberschwappen. Um nur eine zu nennen: „Dieser Unterhaltungsroman ist das Gegenteil von Pornografie, in der der Sex entpersonalisiert ist. Die Frau wird nie zum passiven Objekt degradiert, sondern bleibt denkendes und handelndes Subjekt.“ (Alice Schwarzer) So rettet man sich also aus einem miesen, weichgespülten pornografischen Pamphlet (denn Pornografie ist es gleichwohl und das Märchen, dass nur  Pornografie sei, was die Objektivierung der Frau vorantreibt, bleibt ein Märchen) hinüber in die im Nachhinein sanktionierte erotische Sinnsuche einer jungen Frau, die am Ende die Kurve kriegt. Weil sie eine Volte schlägt von sadistischer Fremdbestimmtheit auf „allen Vieren“ zum selbstbestimmten „aufrechten Gang“. Ende gut alles gut. Wie wäre das Urteil ausgefallen, wenn sich Christian Grey einem emanzipierenden Läuterungsprozeß hätte unterwerfen müssen? Wenn er am Ende die Volte geschlagen hätte,  zur totalen Emphase der Empathie?
Dass Schwarzer eine waghalsige interpretatorische Leistung abliefert sollte jedem klar sein, der sich die Mühe macht die Frage zu beantworten, warum Männlein und Weiblein gleichermaßen BDSM als großes, inszenierendes Narrativ begreifen, als Theater der erotischen Selbstbestimmung, in dem Publikum und Darsteller sozusagen in Eins fallen. Wo die Stufen des Zumutbaren in einer Art Vertrag festgehalten sind und man sich die zugefügten Wunden und Narben gegenseitig leckt. Und wo es eben keine Volte geben darf und soll. Den Sadismus in der Hauptsache als Krankheit des Mannes, den Masochismus der Frau als vorübergehende Verwirrung zu begreifen, geht an der gelebten Wirklichkeit vorbei.
Wir leben in der Welt der Narrative und ihrer Versatzstücke. BDSM ist nur ein Simulacrum unter vielen. Positiv gewendet kann es als Konzept produktiver Phantasie begriffen werden. Nach Roland Barthes rekonstruiert ein Simulacrum seinen Gegenstand durch Selektion und Neukombination und konstruiert ihn so neu (Quelle: Wikipedia). Nach Barthes ensteht „Welt, die der ersten ähnelt, sie aber nicht kopieren, sondern einsehbar machen will“. Diese Sichtweise subsumiert vermutlich aber  auch jede Art von Spiel, deren Motive psychischen Defekten geschuldet sind.
Ich interpretiere BDSM als mimetischen Wurmfortsatz der kapitalistischen Ausbeutung von Geist und Seele unter dem Heiligenschein freiheitlicher Willensbekundungen. Kein Spiel nur noch des Spielens wegen. Diese Art Spiel erzeugt in mir einen faden Beigeschmack, wenn es um die angestrengten Sublimationsakte der Bemäntelung real existierender Sinnleerstellen im Leben der Protagonisten geht. Ein Spiel, dessen Negativspiegel die Welt dort draußen ist. Eine Gratwanderung der menschlichen Psyche. Für Mann und für Frau.
Aber vielleicht täusche ich mich nur. Vielleicht gibt es keine Sinn-Leerstellen, die zu füllen wären. Vielleicht gibt es dieses Spiel als Spiel wirklich. Vielleicht gibt es den Zugewinn an Phantasie ja wirklich, und die Macht und die Unterwerfung als Lustempfinden.
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4 comments

  1. Sach bloß, Du hast es (vollständig) gelesen?? Herrlich!! Ich hab' im ersten Teil irgendwann aufgegeben. Nicht, dass mir die Idee an sich nicht zugesagt hätte – im Gegenteil. Leider kann die Frau nicht schreiben…oder bin ich blöd?

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  2. Ich habe den ersten Teil auf Englisch gelesen, aus der deutschen Übersetzung diverse Leseproben aus dem Internet und in den Buchhandlungen Freiburgs Stichproben genommen🙂
    Für mich als Erotomane im Ruhestand war es wirklich zeitweise eine Qual. Aber was tut man nicht alles, um endlich auf die EINE große Stelle zu stoßen *g

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  3. Bis zur EINEN großen Stelle bin ich gar nicht vorgestoßen…vielleicht hätte ich vorblättern müssen. Zumindest hat mich das Lesen nix gekostet, sonst hätte ich mich echt geärgert.
    Als Leserin von diversen Stories im WWW (durchaus auch fanfics) habe ich weitaus bessere Sachen gelesen und mich seit 50. Shades gefragt, wieso es die eben nicht schaffen…schade eigentlich! Es tummeln sich da draußen jede Menge richtig guter Schreiberlinge.

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  4. Ich hab`s auch vollständig gelesen, schnell gelesen, muss ich sagen. Ich deutete es bereits in meinem Blog im Artikel zur poronografischen Literatur an, ich finde das Buch erstaunlich prüde. Auf der anderen Seite möchte ich auf den Kommentar von Cunitia eingehen. Hast du mal versucht, pornografische Literatur zu schreiben? Ich hab`s und fand – zu meinem Erstaunen – heraus, dass schwerlich nach „Die Geschichte der O“ auf diesem Gebiet Neues zu bringen ist. Die sexuellen Möglichkeiten sind nicht unbegrenzt, wie man auch an seinen eigenen sexuellen Fantasien sieht. Jedoch muss ich sagen, dass die BDSM-Spielchen weitaus intellektueller hätten vorgestellt werden können. Solange sich die Beteiligten des Spiels bewusst sind, wird dabei nicht verdrängt, dass (freiwillige) Unterwerfung und Beherrschung in jedem sexuellen Spielchen mitschwingt. Spielerisch reflektiertes BDSM hat m.E. etwas Entlarvendes und damit ohne weiteres einen Befreiungscharakter. Aber in „Shades of Gray“ ist davon wenig bis nichts zu spüren.
    Liebe Grüße aus Norfolk
    Klausbernd

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