Blogsprache der Nierentische


NierentischNicht nur im Internet widmen sich junge Menschen leidenschaftlich ihren Interessen. Fashion, Fantasy, Lifestyle, Ich-Generation, Partyritter und Partyprinzessinen. Idiome kristallisieren sich heraus. Noch ein Spruch, Kieferbruch. Wenn du meine Sprache nicht sprichst, bist du raus, such dir ne andere Disco. Wortetiketten werden geboren, die sich auf der Zeitachse des „In-Seins“ wie Modelabels gegenseitig ablösen. Hip, hipper,  Hennes & Mauritz.
Ok, ich gestehe, die Sprache der Jugend war immer schon die Motorsäge am Holz vor der Hütte der Spießersprache. Wenn ich zurückdenke fällt mir aber auf, dass ich schon in meiner Adoleszenz ein Outcast der Sprache war. Mein damaliges soziales Sein war in etwa so gegen den Strich gebürstet wie heute. Ich führte den Zweifrontenkrieg. Einen Krieg gegen die Rabulistik der Jugend. Einen Krieg gegen die Sprache der Nierentische. Ich erinnere mich: Ich habe so manche Runde Flaschendrehen ausgelassen, um auf der Flucht nach Hause hell leuchtende Sterne leidenschaftlich anzuflehen, sie mögen mir doch die  Sprache der Poesie wie ein Brandmal aufdrücken. Eine Leidenschaft, die ich für mich allein genoß. Eine solitäree Leidenschaft, die ich nicht auf den Altären gruppendynamischer Leidenschaften opfern wollte.
Wenn ich jedoch einen Psychologen um Rat gefragt hätte, dann liebe Freunde, hätte dieser es auf einen konzisen Punkt gebracht: „Von wegen Poesie, der du alles untergeordnet hast. Deine Schüchternheit allein hat dein Aufgehen im dionysischen Rausch der Jugendbewegtheit verhindert. Flaschendrehen gehört nun mal  nicht zu deiner Vorstellung des Ideals angehimmelter Mädchen.“ Recht hast du, du alter Sack. Mit deiner grauen Strickjacke, der braunen Cordhose und der durchwetzten Couch aus den Dinosaurierjahren Sigmund Freuds.
Wenn ich mich in der Welt des Bloggens umschaue,  fühle ich mich wie aus der Gegenwart der Sprache herausgefallen. Von wegen Generationenkonflikt. Ich stehe mit dem Rücken zur Wand, im Überlebenskampf einer aussterbenden Spezies. Da stürmen Horden von virilen Bloggern wie die Marianne der französischen Revolution über die Festungsanlagen der Bourgeoisie hinweg. Stürmen die Höfe der Spracherbschaften von Klassik und Romantik. Swag und Style. Von Achselfasching bis Zehentanga. Die Postmoderne der Postmoderne. Es stampft wie eine Büffelherde. Wut- und Fluchsprache. Alles schwimmt auf der Oberfläche des Authentischen. Im Zeitraffer werden Sekunden eines Gefühls gedehnt. Aktualität wird gefeiert, als gäbe es kein Morgen mehr. Aber auch beeindruckende Aufrichtigkeit und Hingabe an ein Thema. Foren der Verletzlichkeit. Es brodelt und lebt. Als Dinosaurier am Nierentisch schnabuliere ich meine Henkersmahlzeit und warte auf den Einschlag der Asteroiden. Bis dahin, Mittelfinger.
Kategorien:GedankenSchlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: