Alles nur Theater


AmygdalaDie kognitive Neurowissenschaft und moderne Strömungen der Philosophie verabschieden, peu à peu, die tief in uns verankerte, traditionelle Vorstellung eines Selbst, das in Bezug auf seine Empfindungen vorgibt, ein in sich beständiges, stabiles, fühlendes, denkendes und handelndes Wesen zu sein. Also etwas, was wir gemeinhin als das „Ich“ bezeichnen und dieses auch benennen, wenn wir uns fragen, wer wir sind oder glauben zu sein. Sie erklären, dass es ein „das Selbst“, so wie wir es als unverrückbaren, eindeutigen Hinweis auf unsere einmalige Identität hernehmen, nicht gibt. Thomas Metzinger sagt in seinem Buch „Der Ego Tunnel“, dass niemand je dieses Selbst war und ist, dieses Selbst niemand je besaß. Der Mythos des Selbst ist zertrümmert. Eine Entität, eine unteilbare  Instanz, die „wir selbst sind“ gibt es nicht, weder lokalisierbar im Gehirn noch in irgendwelchen metaphysischen Regionen. Wobei die Verabschiedung der Metaphysik als Quelle der Erkenntnis des Selbsts für die Traditionen der althergebrachten Philosophien natürlich einen schweren Schlag ins Kontor darstellt. Und uns einen Schlag versetzt, weil wir die Frage, was denn die Instanz sei, die subjektives Empfinden und subjektives Erleben erzeugt oder besitzt, nicht mehr mit „mein Selbst“ beantworten können. Diesem unteilbaren Ding.Liebe Freunde, da kann einem schon mulmig werden. Ich meine, soll denn das „Ich“ oder das „Selbst“ eine Art Phantomschmerz sein? Eine Behörde, die kafkaesk über mich hinweg Entscheidungen trifft, mein Handeln sozusagen vorbewußt auf die Schiene bringt, noch bevor ich weiß, dass ich handeln will? Oder meine Gefühle schon fühlen, bevor ich anfange zu fühlen? Da gerate ich dann doch ruckzuck in einen nicht endenwollenden Strudel von Erklärungsbedürfnissen.Schnurz, ich habe heute Abend wirklich keine Lust und keine Zeit, mich in die Abgründe neurologischer Wissenschaft zu stürzen. Ich möchte die Sinnlichkeit eines Fußballspiels genießen. Da ist es mir herzlich schnuppe, wer mir diesen Wunsch souffliert hat, mein Selbst oder eine Horde von hergelaufenen Synapsen, die unentwegt in meiner Amygdala feuern.Wenn das Selbst wirklich nur Theater ist, so ist es mir egal, wer mir als Darsteller meines  Ichs die Regieanweisungen gibt. Die Bilder von der Liebe einhaucht,  die Freude an der Literatur, die Lust auf den Sex und die Niedertracht und den Hass, die Lüge und den Verrat. Theater ist spannend, abwechslungsreich und Teil meines „Selbst“, auch wenn dieses zur Zeit keinen guten Leumund besitzt und unter den Mikroskopen der Neurologie seine mir bekannte Adresse aufgegeben hat und im Niemandsland wohnt.

 

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