Atheismus – Gedanken beim Lesen von Julian Barnes


Julian Barnes
Julian Barnes

Das Nachdenken über den Tod wird nicht nach wissenschaftlichen Kriterien geführt. Wenn es so wäre, wäre die Sache schnell erledigt: Wir sterben und daran ändert nichts. Daran ändern weder der Stand empirischer Erfahrung noch das Gesetz der Evolution etwas, und schon gar nicht die Medizin mit ihren lästerlichen Überwindungsversuchen unserer Sterblichkeit. Jetzt mag es verwundern, warum man trotzdem über den Tod nachdenkt anstatt ihn hinzunehmen. Meine Vermutung: Die Todesangst in uns  lässt uns keine andere Wahl. Eine Pseudovernunft wird genutzt, um einer irrationalen, angstbesetzten Diskussion über das Sterben die Illusion eines „guten Ausgangs“ der Sache anzuhängen. Man hangelt also gewissermaßen am Abgrund entlang, mit der Einbildung einer Option auf das Wiedererreichen sicheren Bodens und eines solcherart sich einstellenden Seelenfriedens. Man bespricht also den Tod, um ihn auf Abstand zu halten. Und hier kommen nun die monotheistischen Religionen ins Spiel. Die für mein Dafürhalten nichts anderes sind als die Fortschreibungen großer, besprechender Romane mit glücklichem Ausgang. Sie sind die großen Fiktionen. Sie sind das große Einmaleins der Hoffnungen, zu deren Ursachen und Wirkungen obskure übersinnliche Instanzen herhalten müssen. Die, falls sie in einem Roman beschrieben stünden, von jedem vernunftbegabten Leser sofort als fiktive, rauschebärtige Figuren entlarvt wären. Sie passen jedoch trefflich zu diesen Menschheitsmärchen und zu dem Balsam der Unsterblichkeiten, den sie  auf die wunden, angstbesetzten Seelen ihrer Konsumenten träufeln.Immerhin existiert aber noch ein Rest an vernünftiger Daseinssicht und Denkweise. Ein Rest im Furor eines jeden religiös aufgeladenen Wahnsinnigen. Der seine eigene Sterblichkeit, als unabweisbare Größe seines Schicksals, nicht gerade eben mal in Urlaub schicken kann, ohne hierfür ein hilfreiches Wunder in die Gleichung seines Lebens und seines Todes einbringen zu müssen. Da dieses Wunder die Unsterblichkeit bereits im Diesseits schon verankern würde, wird es magiergleich ins Jenseits verfrachtet, da die Erfahrung der Unsterblichkeit im Diesseits noch niemand machte. In ein Jenseits, das gleichzeitig mit dem Wunder erfunden werden muss, damit dieses sich in ihm vollziehen kann. Mit diesem Trick entbindet man sich vom Nachweis ewigen Lebens schon zu Zeiten der sterblichen Gegenwart und nimmt die Hoffnung auf ein Weiterleben im Jenseits huckepack mit in das Grab. Nimmt man uns damit aber auch die Angst vor dem Tod, die Thanatophobie? Ich meine nein. Die Religionen manifestierten sich auf dem Nährboden der existentiellen Angst. Zugleich etablierten sie sich als mächtiges Instrument der Verdrängung dieser Angst. Um ihre institutionelle Macht als Erklärungs- und Entstehungsfabrik des Wunders zu zementieren, schickten und schicken sie ihre Anhänger millionenfach in den Tod, und die weniger Anhänglichen gleich mit.  Und sie erfanden das Böse, das teuflische Böse. Wobei  die Existenz des kreatürlichen Bösen in uns das Imago des Teufels und des Ungläubigen, als Träger eines anderen Bösen, völlig überflüssig macht. Für den Gläubigen ist es jedoch seelenruhiger, ein Böses außerhalb seiner Welt des Glaubens zu verorten, anstatt am Bösen in sich selbst zu verzweifeln. Mit jedem Opfer des Gotteswahns wächst die Angst vor dem Schicksal unserer in die DNS eingravierten Hinfälligkeit. Die Religionen verdunkeln die Tatsachen der Sterblichkeit und des Bösen in uns. Alles andere  bedeutet, den allbarmherzigen Schöpfer, den Popanz, den sie ins Leben riefen und der uns nach seinem Ebenbild geschaffen hat, von seinem hohen Ross der Untätigkeit gegen die weltlichen Schrecknisse stoßen zu müssen. Den personalen Gott als eine von ihnen ins Leben gerufene Fiktion abzuschaffen, das ist die letzte verbleibende humane Aufgabe der Religionen und gleichzeitig das Ende des erbärmlichen Restes ihrer Daseinsberechtigung. Vielleicht täten wir uns dann leichter im Umgang mit unserer Todesangst.

Gustave Flaubert:
„Menschen wie wir sollten der Religion der Verzweiflung anhängen. Man muss seinem Schicksal ebenbürtig sein, soll heißen, ebenso gleichmütig. Man sagt ‚So ist es! So ist es !‘, schaut in die schwarze Grube zu seinen Füßen hinab und bleibt dadurch ruhig.“
Julian Barnes:
“ Ich glaube nicht an Gott. Aber ich vermisse ihn“
 (zitiert aus seinem Buch:  Nichts, was man fürchten müsste)
Kategorien:Julian Barnes, LiteraturSchlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

2 comments

  1. Jaja, du lieber Achim,
    dich zu lesen ist echt Gehirngymnastik für mich. Ich bin sicherlich nicht die einzige, die es so empfindet,:-) das entenehme ich einfach die oft angepriesene Sprachlosigkeit angesicht deiner klugen Überlegungen und gekonnten Einsatz von exotischen Fremdwörter und dergleichen.🙂 Ich lese dich gerne, du bist herrlich anders, gewagt und ich denke die Welt hat dich noch nicht entdeckt. Schade! Der Schirrmacher kopiert dich und ist im nu Nummer eins mit „Ego“. Du bekommst jetzt von mir eine Eins.
    Big hug zum Wochenende!

    Liebe Grüße
    Dina

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  2. Liebe Hanne,

    Dass die Texte so schwierig sind, liegt an meiner Unfähigkeit, sie einfacher, verständlicher zu gestalten, und das meine ich wirklich genau so. Andererseits liebe ich beim Erstellen von Texten diese Art von „Gebärschmerz“, das RIngen um Worte und die Versuche, die Leidenschaft zu Themen leidenschaftlich auszudrücken. Das hat dann manchmal den Anflug von Pathos. Hier schreibe ich und kann nicht anders🙂

    Liebe Grüße

    Achim

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