Alice Munro – Der Tanz der seligen Geister


Alice MunroWenn man Hemingway’s „Oben in Michigan“ gelesen hat, ist es ein Schlag ins Wasser, eine Short Story mit dem Titel „Oben im Hotzenwald“ schreiben zu wollen. Es gibt ein Schreiben, einen Ton und Duktus, deren Nachahmung  wünschenswert sein mag, aber im Lächerlichen endet.
Wenn ich Alice Munro’s Erzählungen lese, setzt der Herzschlag meiner eigenen Schreibsprache für lange Augenblicke einfach aus. Ihre Lauschangriffe auf die kleinen menschlichen Dramen und Schicksale ihrer Protagonisten sind präzise und human, wie durch ein Stethoskop verstärkt und mit Vibrato versehen, auch in den geringsten, zufälligen Ereignissen und Begegnungen. In Alltagswelten spürt sie den untergründigen Verletzlichkeiten nach, verleiht ihnen die Würde tragischkomischer Verwicklungen, so, als würde sie den Ameisenhaufen persönlicher Petitessen und existentieller Durchschnittlichkeit in das Rampenlicht erhabener und zeitlos gültiger Formen stellen.
Das ist, wie ich finde, große Kunst. So wie bei Hemingway in seinen besten Stories, erinnert der Aufbau ihrer Geschichten dem von griechischen Tragödien. Dem Prolog/der Exposition folgt, mehr oder minder, die steigende Handlung bis zum Höhepunkt einer ersten oder weiterer Krisen. Es folgt der peripetische, plötzliche Umschlag des menschlichen Schicksals in eine unglückliche oder glückliche Wegrichtung, bevor es zu den  Intermezzi fallender Handlungabschwünge kommt. Am Ende klingen ihre Erzählungen, resümierend, in einer Art Auszug (Exodus) aus dem Status Quo des Schicksals aus. Katastrophen schildernd oder nur andeutend, wie ein langes Ausatmen einer Bilanz, in der Ungewissheit des weiteren Fortgangs der Leben ihrer Hauptfiguren. Ihre Sprache bleibt dabei rein und klar. Ihr Blick ist unbarmherzig und neutral. Sie richtet nicht. Sympathie oder gar Empathie überlässt sie dem Leser. Keines der geschilderten Schicksale wird angedient oder angebiedert. Den Leser packt die Illusion, der Geschichte nach dem Takt seiner Aufmerksamkeit Herr sein zu können und „überliest“ dabei, dass er nur das Opfer ist, ein Gefangener im ästhetischen Genuß dieser vibrierenden, steten und wunderbaren Sprachströme. Jonathan Franzen zählt sie zu den großen Erzählern/Erzählerinnen der Weltliteratur und stellt sie über Anton Tschechow. Und das will etwas heißen.
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14 comments

  1. Hat dies auf A Readmill of my mind rebloggt und kommentierte:

    Aus Anlass der Verleihung des Nobelpreises 2013 für Literatur an Alice Munro. Congratulations.

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  2. Tolle Besprechung – und vielen Dank, dass Du Deinen Beitrag noch einmal gebloggt hast!

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  3. Eine wunderbare Rezension, lieber Achim, und ein verdienter Nobelpreis. Lieben Gruss, Peggy

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    • Halo liebe Peggy,

      Alice Munro’s Prosa gehört für mich zum Feinsten dessen, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Köstlich habe ich mich amüsiert, als Martin Walser offenbarte, dass ihm Alice Munro gänzlich unbekannt sei. Vielleicht hätte er besser selbst bei der kurzen Prosaform bleiben sollen. Seine Novelle „Das fliehende Pferd“ war der Höhepunkt seines Schaffens. Danach ….. nun ja.

      Liebe Grüße

      Achim

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  4. Eine sehr aufschlußreiche und angenehm zu lesende Beschreibung. Die macht neugierig. Auch von mir vielen Dank dafür.

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  5. meine Bücherwunschliste füllt sich – danke dir für diese feine Besprechung

    good days and ways, lieber Achim …
    herzliche Grüße
    Ulli

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    • Liebe Ulli,

      recht herzlichen Dank für deinen Kommentar. Wünsche müssen ja irgendwie abgetragen werden. Ich hoffe, du findest für die Lektüre von Munro’s wunderbar komponierten Erzählungen Muse. Bei allem, was dir im nächsten Jahr an Aufregungen bevorsteht. Da aber dein Blog mit dir zum Wendland umziehen wird, fällt das Abschiednehmen nicht zu schwer🙂

      Liebe Grüße hinauf auf den Berg, und zukünftig in die Weiten des Wendlands.

      Achim

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      • lieber Achim,

        ach das dauert ja noch eine Weile und da meine Familie ja hier bleibt, werde ich wohl viel pendeln …
        aber danke für deine guten Wünsche und ja, der Blog kommt mit🙂

        an sich müssten oder könnten wir ja vorher mal einen Kaffee zusammen trinken, oderrr?
        herzliche Grüße ins Tal vom kühlen Berg
        Ulli

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        • Das müssen oder können wir, sehr gerne. Bevor sich der Nebel über Alles legt🙂 An einem Samstag, an den Ufern der Bächle oder sonstwo. Einfach dort, wo es guten Kaffee gibt.

          Best Regards

          Achim

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          • das freut mich🙂
            da ich aber morgen schon wieder für zwei Wochen in den Norden fahre, wird es dann November werden, aber selbst dann soll es ja sonnige Tage geben und wo es den besten Kaffee gibt, das wirst du besser wissen, als ich …
            ich melde mich, sobald ich zurück bin

            herzliche Grüße und ein feines Wochenende
            Ulli

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  6. Ich habe vor einiger Zeit „Something I’ve been meaning to tell you“ mit Begeisterung gelesen und danke sehr für diese eindrückliche Präsentation. Cari saluti Martina

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  7. Hallo Martina,

    vielen Dank für deinen Kommentar. Und schön, dass du Alice Munro magst. Ich liebe ihre Geschichten.

    Gruß

    Achim

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