Gestern Abend, gestern Nacht


NotenblattEin Trupp im Alter vorgerückter Männer, sechs an der Zahl, bewegt sich mit Vorfreude bewaffnet, wie eine Horde Kosaken auf dem Weg hinunter zum Don, zum Brennpunkt ihrer Begierde, der „Scheune“. Ein hybrides Etablissement zwischen dörflicher Disco und uriger Beize. Unser Trupp wird angeführt von Oberstabsfeldwebel S., einem jovialen, zwischen Gemütlichkeit und trockenem Witz changierenden Charakter, von herzensguter Gemütsruhe und überdies inzwischen Stammspieler an Tisch 7. Ein weiteres Tisch 7 Mitglied ist J. Deftig und zupackend, ein Ausbund oberfränkischer Listigkeit und Hintersinnigkeit und darüberhinaus Schatztruhe schlüpfriger Witze, die uns, zu Beginn unserer Bleibe in besagter Kneipe, regelmäßig von den hölzernen Sitzen fegt.Nicht zu vergessen P., klein und drahtig, mit herrlich zynischer Zunge bewaffnet. Der Mann ist drahtig und arbeitet bei VW. Dort ist er die Herzpumpe der Aufrechterhaltung aller produktiven Prozesse, deren stete Funktionalität ohne Ausfallzeiten zu seiner Restlebensaufgabe geworden ist.Während ich die Ouvertüre mit einem Apfelschorle bestreite, packen die Jungs zu, als wären sie König Midas höchstselbst, unter dessen Händen alles Angefasste zu Biergold wird. Kurz: Sie saufen wie die Löcher, als hätten sie die Aufgabe, Oasen in die Wüsteneien ihrer Kehlen zu schlagen.Ich fahre mit einem hübschen Gläschen Glenlivet fort, währenddessen die Burschen bei ihrem dritten „Körbchen“ angekommen sind, einem Strauß von 10 Gläsern Pils, die schneller abgefrühstückt werden als ein Eisklumpen in der Gluthitze eines Hochofens zu schmelzen in der Lage ist. Die Lautstärke schwillt an wie ein über die Ufer tretender „Ol‘ man River“ (Mississippi). Ganze Heerscharen von Pennälern und Pubertierenden überschwemmen die Kneipe. Jungs in Sackhosen und Mädchen, die in Schminkköfferchen ihr Dasein fristen. Oh „Süßer Vogel Jugend“ (Tennessee Williams). Zu laut, zu umtriebig für uns, die wir schließlich Verstärker in den Ohren tragen und der Brandung der Kakophonie hilflos ausgeliefert sind. Wir wechseln den Ort, nicht ohne vorher der Tatsache Erwähnung zu tun, dass sich ein weiblicher Trupp unseres Sanatoriums nach kurzem Aufenthalt in gleicher Kneipe wieder verabschiedet und in einigen unserer Äuglein eine Leerstelle sexuellen Begehrens hinterlässt. Nach weiteren Witzen, die in mir schmerzlich die eigene Unzulänglichkeit in der Kunst dieser Erzählart wachrufen (zumal es nach Sigmund Freud eine Einbahnstraße vom Witz zum Unterbewussten geben soll, und ich mir jetzt nicht sicher bin, ob ich so etwas wie ein Unterbewusstes überhaupt besitze), fallen wir zuletzt in Willy’s Pub & Bar ein. Dieses Pub ist ausgezeichnet als eines der besten deutschen Whiskykneipen. Allein 80 Sorten Whisky, vornehmlich irish and scotch, stehen auf der Karte. Eine Fundgrube für meine von so vielen Geschmacksnoten noch unbeleckte Zunge. Nach weiteren Whiskies, die ich mit stoischer Ruhe und Contenance verkoste (darunter ein 21 jähriger Glenfarclas), werde ich des fortschreitenden Zerfalls der physischen und stimmlichen Haltung meiner Mitstreiter ansichtig, begleitet vom zunehmend ungläubigem Lächeln und Kopfschütteln von Willy dem Schankwirt. Das Großraumtaxi trifft ein und kutschiert uns wie Sardinen in der Büchse zurück zur Kuranstalt. Es ist 0.30 Uhr und der Nüchternste bezahlt die Taxe. Wie so oft und vermutlich für immer: Ich. Eine einfache Milchmädchenrechnung: Vom Saufen unbehelligt und meiner sozialen Ader verpflichtet.
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5 comments

  1. Sláinte! Ich hoffe, der Ausflug hat sich wenigstens whisky-technisch gelohnt… D:

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  2. Das hat er ganz gewiss. Der Wunsch, Islay zu besuchen, hat sich in dem Pub dramatisch verfestigt🙂

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  3. Du weißt ja, Fotobeweise werden Post-Whisky-Tour gern genommen…. lG und ein schönes WE😉

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  4. Auf Islay oder grundsätzlich? Islay wird aber erst nächstes Jahr fällig. Dieses Jahr gehts im August nach Cambridge. Habe dort bereits eine Woche Unterkunft im St.Catherine's College gebucht. Freu mich.

    Gruss
    A.

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  5. Die Rambling Sisters werden dann ja im Mai berichten können aus Cambridge… Hach, da freu ich mich auch schon… Mal gespannt, ob es ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Oxford geben wird!
    Und natürlich hätten wir hier gern eine Menge Islay-Fotos… von den Inseln waren wir bislang nur auf Skye – bin also immer an Reiseberichten interessiert!🙂
    liebe Grüße, S. x

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