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Schnee


SchneeDraußen. Es ist bitterkalt. Es schneit zum ersten Mal seit meinem Aufenthalt. Steter Flockenflug. Kein Lüftchen regt sich, es ist bereits dunkel, im Wäldchen der Ruf einer Eule.
Eulenruf und Nebelhorn. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wären es diese beiden Hintergrundgeräusche, die dem Pfeifen in meinen Ohren eine satte, basslastige Untermalung sein könnten.Ich trage in beiden Ohren Hörgeräte, testweise. Ich stelle mit Erstaunen fest, dass ich jetzt wieder hohe Töne höre, die mir vermutlich seit langem schon vorenthalten wurden. Meine Ohrgeräusche treten dadurch fast vollkommen in den Hintergrund.
Mir ist kalt, dennoch harre ich im Nikotinfrost mutig aus. Am 02.02. geht es nach Hause zurück. Höchste Zeit, ich fühle mich ausgelaugt durch die träge Stetigkeit der Tage, durch die Hatz von Anwendung zur Anwendung, durch die Anstrengungen, die in der fortlaufenden Kontaktaufnahme von fremden Menschen und den immergleichen Leiden liegen. Bisweilen möchte ich mich verkriechen, mehr lesen, mehr schreiben, meiner Nachdenklichkeit und Grübelei frönen. Dabei sitze ich schon immer wieder, in meinen freien Zeiten, in der Cafeteria, auf harter Sitzschale, lese und schreibe, Menschen um mich herum, die mich schon scheel anschauen und nicht begreifen, dass ich die Bücher geradezu fresse. Kannibale.
Ich denke an Hans Castorp, Thomas Mann’s Held aus dem „Zauberberg“. Ein hanseatischer Jüngling auf Besuch in einem Lungenheilsanatorium in Davos. Dort muntert er seinen Cousin Joachim auf (sic!). Aus den geplanten drei Wochen Aufenthalt werden für den braven Hans 7 Jahre. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieg. Eine Horrorvorstellung für unsereiner.Der hier fallende Schnee ruft in mir die sachte Erinnerung eines Kapitels aus dem „Zauberberg“ hervor, welches sinnigerweise mit „Schnee“ übertitelt ist. In diesem stapft Hans durch den Schnee und erlebt in traumwandlerischer Selbstvergessenheit und auf luzide, halluzinierende Weise den Kampf zweier Lebensanschauungen, repräsentiert durch Nietzsche’s Gegensätze der  apollinischen und dionysischen Lebensprinzipien, die zum Fixpunkt von Hansen’s eigener Entscheidung über die ihm gemäße Lebens- und Geisteshaltung werden.
Sexualität und Grausamkeit. Nihilismus oder affirmative Lebensbejahung münden, im Kampf miteinander, bei Hans in den großrahmigen Entwurf eines Lebens unter dem Faltenwurf der Humanität.
Das mit der Sexualität jedoch scheint mir in diesen heiligen Hallen eher ein durch Mundpropaganda verbreiteter erstrebenswerter Erlösungszustand zu sein, als ein wirkliches, reales Phänomen. Ich halte alles hier für einen großangelegten, verschwörerisch kryptofachistischen Plan zur Unterdrückung meines Sexualtriebs, jawoll.
Kurschatten sind hier definitiv eine Legende, oder handelt es sich nur um diverse Blindheiten, mit denen ich geschlagen bin? Die Betten sind so schmal, dass die Hälfte aller Kurtreibenden doch recht unbequem auf dem Boden davor zum Liegen kommen. Obwohl, es herrscht hier eklatanter Frauenüberschuß.Enden tun die Tage in meiner Altersklasse mutmaßlich bei einem guten Buch, wahlweise mit einem guten Dokumentarfilm oder einer Praxis, bei der Gott Onan als Patenonkel firmiert. Wenn’s denn die Kommissbetten mit ihren knarzenden Lautmalereien und die Schmerzgrenze der Scham überhaupt zulassen. Denn die Wände zwischen den Zimmern haben Elefantenohren.
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