Tage mit Minzkaffee


MinzeMein Vater war weiß Gott kein hervorgehobener moralischer Mensch und diesbezügliche Predigten und Standpauken unterließ er, meiner weißgetünchten, jungfräulichen Erinnerung nach zu urteilen. Bis auf die eine Sache: „Junge, nuschele nicht so, du brabbelst. “ Womit er, Gott weiß es, durchaus Recht bewies.Mein Nuscheln und mein Lispeln sind mir heute noch Stachel im Fleisch und ich komme mir vor wie Isaac, der hinter dem brennenden Dornbusch von seines Vaters Hand auf dem Altar des Sprachpurismus und der gesunden lexikalischen Aussprache geopfert werden soll. Nun gut. Sitze ich also in meinem Bad Nauheimer Stammcafe („Stamm“ bereits nach dem ersten Besuch, besitzt dieses doch mit nierentischähnlichem Deckendekor und stramm durchgesessenen Sesseln eine abgeteilte Opiumhöhle, in der man mit einem PING durchs Periskop  immerhin noch spärlichen Kontakt, durch Dunstschwaden hindurch, zum Sitznachbar aufnehmen kann). Ich schweife ab. Steht also dieses nette Blondchen, zahnspangenbewehrt wie eine Kavalkade von Langbogenschießscharten einer edwardianischen Burg vor mir, bewaffnet mit einem Schreibblöckchen, als wolle Inspektor Columbo meine Großhandelseinkaufsliste aufnotieren. „Was darf’s denn sein?“Ich überlege (ich überlege immer, als würde ich erst eine Schneise durch die Speisekarten schlagen müssen), und hauche ein hingenuscheltes „Milchkaffee“ in ihre Richtung, als hätte ich mir ihre Brackets auf Rentenbasis ausgeliehen. Und jetzt, liebe Freunde, jetzt blieb die Zeit im Sagen dieses Wortes einfach stehen, ihre und meine Zeit, blieb einfach stehen und fror ihren Mund, ihre fragenden Augen und jede weitere Faser ihres Leibes ein, dampfte sie ein und verunstaltete sie zur Summe aller irdischen Fragezeichen. Und ganz aus ihrem Blut, aus den Tiefen ihrer Synapsen, tauchte, wie Moby Dick, weißblendend, mit all seiner kreatürlichen Schönheit, die Frage, ja, die Mutter aller Fragen, schäumend auf: „Minzkaffee? Ich glaube, den haben wir nicht.“ Die Raucherhöhle, diese Flüsterkneipe aus Prohibitionszeiten, leuchtete rot auf, grellrot, hummerrot, röter als ein Rubin aus südafrikanischen Minen. Die Röte meiner Scham, Erinnerungen an die Kindheit, den Vater, das Lispeln, Nuscheln und Brabbeln. Das Schwadronieren und Zirpen, das Schnoddern und Schnauzen. Ich stammele: „Milchkaffee“ und zog das „M I L C H“ so lang wie der Lehrer die Ohren und das Paar das Vorspiel, wie der Gospelchor die Predigt von der ewigen Verdammnis. M i l c hkaffee. Sie schwebte gelöst und lächelnd von dannen und ließ mich wie die Prinzessin auf der Erbse ihrer eigenen Schamesröte zurück. Sie hatte verstanden. Ich hatte verstanden und rief ihr hinterher: „Ich bin kein Minzkaffee für eine Nacht.“
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5 comments

  1. Welche herrliche Geschichte!! Mir steht immer noch ein Grinsen im Gesicht, während ich versuche mir die Szene bildlich vorzustellen (-;

    Sind es nicht diese Momente im Leben eines Kurenden, die letzten endes den Erfolg der Genesung beziffern??

    Ach, was könnte man daraus machen!

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  2. Liebster Bertie,

    Ihre Nuschelei basiert höchstwahrscheinlich auf dem Unwillen Ihres (nicht vorhandenen) Unterbewusstseins, verstanden werden zu wollen. Wäre es nicht ein geradezu zidan'scher Wirkungstreffer, würden Sie von den Niederungen Ihrer so herzlich gescholtenen Umwelt begriffen werden?

    Nein, mein honorable Bertie, Ihres ist der Minzkaffee…den haben Sie sich erarbeitet….den haben Sie sich verdient….zu schade, dass Miss Colombo ihn nicht auf der Speisekarte hatte.

    Herzallerliebste Grüße
    von Ihrer
    Honoria Glossop

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  3. Herrlich…😉 Deine Schwester hätte es net besser ausdrücken können. Kur also erfolgreich abgeschlossen??

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  4. Erfolgreich insofern, dass die 4 Wochen rum sind. Ansonsten muss ich mal abwarten, ob ich das Gelernte in Sachen Verhaltenstherapie dauerhaft umsetzen kann.

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  5. Na, meine Daumen sind gedrückt!! lG, S.

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