Aufzeichnungen aus einem Totenhaus


Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

 

„Wir sind Studenten, verdammt, andere Menschen machen uns die Betten und räumen unsere Zimmer auf. Wir wohnen in mittelalterlichen Zimmern mit getäfelten Wänden. Wir haben Theater, Druckereien, erstklassige Cricket Pitches, einen Fluss, Boote, Bibliotheken und alle Zeit der Welt zur Entspannung, für Spaß und Vergnügen. Welches Recht haben wir, zu maulen und zu mosern und in der Gegend umherzuschleichen wie geschunden?“

Um es vorweg zu sagen: Der Titel dieser Aufzeichnungen ist der Titel eines Prosastücks von Fjodor M. Dostojewski, des russischen Erzählers weltliterarischen Ranges, dessen Biographie unter anderem einige Aufenthalte in Heilsanatorien und Gulags aufzuweisen hat. Das Zitat gleich darunter stammt aus Stephen Fry’s wunderbarem zweiten Band seiner „Fry Chronicles“, der Autobiographie, der ich mit wachsender Zuneigung, gar Liebe, zugetan bin.
Wer Stephen Fry nicht kennt, der möge sich den Film „Oscar Wilde“ anschauen. In diesem spielt Fry, neben Jude Law als Wilde’s Liebhaber, die Titelrolle. Mit der herzzerreißenden Intensität eines am Gebrechen und Verbrechen seiner Leidenschaften zugrunde gehenden Dandys und Spiritus Rector eines neuen, ausschweifenden literarischen Tons in der englisch-irischen Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Obiges Zitat illustriert die wunderbaren, wechselhaften Studienjahre von Fry und Hugh Laurie in Cambridge. Ja, Hugh Laurie ist ein waschechter Cambridge Man, bevor es ihn, Jahre später, nach Los Angeles in die Rolle des Dr. House gespült hat.  
Es lässt sich fragen, wozu diese Präambel an Informationen über einige meiner Heroen aus Literatur und Film? Der Grund ist bieder. Befinde ich mich doch in einem dreiwöchigen Kuraufenthalt mit der Garantie tödlicher Langeweile und der Aussicht auf nachhaltige Verblödung, unter dem Dauerbeschuss ärztlicher Direktiven, schwesterlicher Niedertrachten und diesem Essen, dessen Frugalität meinem Vorhaben, abzuspecken, entgegenkommt wie ein 40 Tonner, beladen mit Popcorn und heißer Luft.  
Das Zitat ist die romantisierende Gegenwelt dessen, was ich in den heiligen Hallen dieses Kurheilsanatoriums zu erwarten fürchte. Ich bin kein Student mehr, hier macht keiner für mich die Betten oder räumt das Zimmer auf. Ich kann mich glücklich schätzen, dass der Staub, der sich wie Patina auf Alles legt, an jedem zweiten Tag notdürftig entsorgt wird.  Unsere Zimmer sind nicht mittelalterlich, sie kommen in ihrer standardisierten Ausstattung und ausgeleierten Funktionalität einem 2 Sterne Hotel nahe, ohne Minibar, ohne Fön (!!), aber mit dem obligatorischen Neuen Testament. Ich war schon immer der Meinung, dass die Auslage der Memoiren der Josephine Mutzenbacher oder der Fanny Hill den sexuellen und spirituellen Bedürfnissen männlicher Übernächtig(t)er um so viel näher kommen dürfte. 
 Ich bin froh, dieses in Terrassenbeton gemeißelte, auf sequentielle Eintönigkeit getrimmte Klinikmonstrum aus den frühen 70er Jahren mit Stephen Fry betreten zu dürfen, dessen virtuelle Anwesenheit mir eine gewisse britische Noblesse und aufmüpfige Haltung einhaucht, mit der ich hier über die Runden komme. Mit Jokus, mittelprächtigem Esprit und der Chuzpe, jeden zu Kreuze kriechenden Fußlahmen mit einem munteren „Guten Tag“  in die Arme zu schließen. 
Ich, der moderne Christus, der alles Leid, alle Neurosen und alle Ängste auf sich lädt, um mit Erschrecken festzustellen, dass es das markerschütternde Gewicht der eigenen Unzulänglichkeiten ist, welches ich mit magerem Brustkorb auszuhalten habe und mich zum Stellvertreter meines eigenen Selbst und seiner volltönigen Psychosen stigmatisiert. 
Kategorien:Biografisches, SatireSchlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

1 Kommentar

  1. Oha…. Na, trotz allem gute Besserung….🙂

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