All Souls College – Oxford


 Oxford All Souls College

Oxford All Souls College

All Souls College Oxford

Der romantische Dichter John Keats sprach einmal von der „negative capability“. Mit der „negativen Fähigkeit“ meinte er das Vermögen, sich abseits sicherer Erkenntnisse leidenschaftlich zum Unsicheren und Mysteriösen zu bekennen und ganz dem Zweifel an vordergründig Erlebtem zu frönen. Geht man mit dieser Geistesgabe ausgestattet durch Oxford, erschließt sich einem die Stadt wie durch einen Schleier betrachtet. Vieles wird unscharf, weil sich die Sehnsucht nach Oxford mit der Angst vermischt, dass es den Charakter von Magie und Unwirklichkeit einmal verlieren könnte.
Das College „
All Souls“ in Oxford ist ein Kuriosum. Siebzig bis achzig Fellows arbeiten hier pro Jahr. Alle erhalten ein großzügiges, jährliches Stipendium und können ein Zimmer und ein königliches Drei-Gänge-Menü im majestätischen Speisesaal des Colleges in Anspruch nehmen. Viele der Fellows sind jünger als 30 Jahre und haben ihre Promotion noch vor sich – trotzdem sind sie alle gleichwertige Mitglieder der Lehrerschaft der Universität und haben offiziell keinen Studentenstatus mehr. „All Souls“ ist das merkwürdigste College in Oxford. Student wird hier keiner, nur Fellow. Die gesamte College-Belegschaft jagt alle hundert Jahre eine Holzente über den Innenhof des Colleges.
Die Türme von „All Souls“ erinnern an die kastilische Kathedralenarchitektur. Architekt von „All Souls“ ist Nicholas Hawksmoor, der auch „Westminster Abbey“ in London entwarf. In der Hauptsache war Hawksmoor dem gotischen Baustil verpflichet. Er arbeitete eng mit Christopher Wren zusammen, dem genialen „Laienbaumeister“, der Teile Londons nach dem großen Brand im 17. Jahrhundert wieder aufbaute, und zum neuen Stadtbild Londons unter anderem die St. Pauls Kathedrale beisteuerte. Seit der Gründung anno 1438 ist „All Souls“ eine Eliteinstitution innerhalb einer Eliteinstitution. Jedes Jahr im September lädt das College rund 50 Studenten der Universität mit den besten Abschlussnoten in den Hauptfächern Englisch, Classics, Jura, Geschichte und PPE (Politics, Philosophy & Economics) zur Aufnahmeprüfung ein. Dazu kommen etwa 20 Nachzügler: Mit einem „First“ in Oxfords Bachelorprüfung kann man sich bis zum Höchstalter 26 noch zur Prüfung melden. Von 70 Bewerbern werden dann zwei, manchmal auch drei Studenten angenommen und mit einem Stipendium für die nächsten sieben Jahre belohnt. „Wir suchen die klügsten 0,05 Prozent jedes Jahrgangs“, sagt College-Leiter John Davis. Manch deutschem Bildungspolitiker mögen bei solch elitärem Denken die Ohren glühen. Aber „All Souls“ beruht auf einer Philosophie, die so urenglisch ist, dass es sie in Deutschland noch nie gegeben hat und in der modernen deutschen akademischen Landschaft wohl auch nie geben wird – trotz des Eliteuni-Geklingels. Es geht hier nicht um Fachwissen, um Expertise, sondern um eine ganz allgemeine Kompetenz: „All Souls“ sucht den Genius. Die Aufnahmeprüfungen anderer Colleges wirken bereits exzentrisch genug, Kandidaten dort berichten von für nüchterne Deutsche überaus seltsamen Aufgaben.  „All Souls“ jedoch übertrifft sie alle. Dort muss man fünf Tests bestehen. Nur zwei davon beziehen sich auf das eigentliche Studienfach des Kandidaten. Bei den anderen geht es ganz allgemein zu – in drei Stunden muss man drei Essays zu Fragen wie „Is Free Trade free?“, „What can we learn from Las Vegas?“ oder auch „Do too many people support Manchester United?“ schreiben. Geschichten über „All-Souls“ Prüfungen erzählen Studenten in Oxford genauso gerne weiter wie die Touristenführer. Neben der Holzente, dem „All Souls Mallard“, gibt es den „One Word Essay“: eine dreistündige Prüfung, in der die Frage aus einem einzigen Wort besteht. In der Vergangenheit ging es zum Beispiel um „Wert“ oder „Voreingenommenheit“ – dieses Jahr war „Wasser“ die Preisfrage.

“Oh the mind, mind has mountains; cliffs of fall,
 Frightful, sheer, no-man-fathomed. Hold them cheap,
 May who ne’er hung there.” Diese Strophe am Ende des Gedichts „No worst, there is none“ von Gerard Manley Hopkins mag verständlich machen, wie es den Studenten von“ All Souls“ noch heute ergehen mag. Den hohen Ansprüchen einerseits verpflichtet und einem möglichen Scheitern aller Bemühungen in diesem College ausgeliefert, von dem Isaac Berlin einmal sagte: “If you wanted to know how England was governed, All Souls was the place to be.” Man mag gelegentlich geistig abwesend sein, aber immer brilliant. Gerard Manley Hopkins selbst studierte in Balliol College. Er war ein Priester, der zum Katholizismus konvertierte. Das obige Gedichtende markiert seinen Hang zum Selbstzweifel, in dem möglicherweise auch der Zweifel am Glauben und an der Religion durchscheint. Sergeant James Hathaway aus der Krimiserie „Lewis“ spricht von Hopkins als dem „Unhappy Priest“.

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